Diesmal habe ich mich für das pittoreske Hauptgebäude des Bahnhofs von Jörn in Schwedisch-Lappland entschieden. Es liegt an einem knapp 76 Kilometer langen Abschnitt, der das kleine Dorf Jörn mit dem Städtchen Arvidsjaur verbindet. Eisenbahner bezeichnen dieses Strecke als eine Querbahn, die in diesem Fall die nördlichste und kürzeste Verbindung zwischen der Norra stambanan und der Inlandsbahn darstellt.
Fotografiert habe ich das Bahnhofsgebäude am 24. Dezember 2022 um kurz vor neun Uhr morgens. Wir haben hier unsere Tochter Lena eingesammelt, die mit dem Nachtzug aus Stockholm gekommen ist und die Feiertage bei uns verbringt. Kurz vor dem Jahreswechsel haben wir uns dann nochmals aufgemacht, um Sohnemann Lukas von Gleis 2 abzuholen. Er kam ebenfalls aus Stockholm, wo er für einige Tage Freunde besucht hatte.
Surreale Stille am Gleis
Wenn der Zug die fast schon surreale Stille von Jörn durchbricht, gibt es für rund fünf Minuten Aktivität. Eine Handvoll Reisende steigt aus. Sie werden von Pkw mit laufenden Motoren erwartet, die zehn Meter neben dem Zug warten. Schnell weg und ins Warme, aber vorher noch Skier und Eisbohrer aufs Dach und Koffer ins Heck! Ich hingegen lasse mir Zeit, nehme die Atmosphäre der polaren Morgendämmerung auf und lausche dem noch leise summenden Gleis, während ich versuche, den besten Standort für Stativ und Kamera herauszufinden. Wie gut, dass Töchterchen und Gattin bereits auf dem Bahnsteig Wichtiges auszutauschen haben und die -15 °C nicht weiter bemerken …
Während ich die Kamera einrichte, fällt mir eine polare Wintertour ein, die ich vor bald zwanzig Jahren als Reiseleiter und Tourenführer etwas weiter im Nordosten realisiert habe. In der Reportage „Lappland – durch Kälte und Eis“ habe ich der damaligen Zugfahrt, die ein Teil des „Abenteuers“ war, einige Zeilen gewidmet:
(…) Vor genau vier Tagen, am 2. Weihnachtstag, hatte ich die sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Tour auf einer Zugfahrt durch halb Deutschland eingesammelt: Karola, Micha und Angelika stiegen im verregneten und warmen Köln zu. Isolde, Martin und Frank komplettierten die Gruppe im ebenfalls verregneten, aber kälteren Hamburg. Die Anreise per Bahn hat einen großen Vorteil: Man bekommt ein Gefühl für Distanzen. Lange, sehr lange, ist man mit Zug, Fähre und wieder mit dem Zug unterwegs, bis man jene imaginäre Linie, den Polarkreis auf 66,33 Grad nördlicher Breite erreicht. Genug Zeit, um den weihnachtlichen Trubel, die Sorgen der Familie („Kind, du erfrierst mir ja!“) und viel zu viele bunte Geschenke verarbeiten zu können. Die Welt ist plötzlich eine andere, während man gedankenverloren in die eisige Leere jenseits des Zugfensters starrt. Wald, nichts als Wald ist zu erahnen. Nur wenn elektrische Entladungen in der Oberleitung die Landschaft kurzzeitig erhellen, wird diese Ahnung zur Gewissheit. (…) Die ganze Geschichte gibt es hier als PDF zum Herunterladen.
Verplombter Wagon
Die Querverbindung zwischen Jörn und Arvidsjaur wurde von 1924 bis 1928 gebaut. Der Bahnhof Jörn hat jedoch schon Jahre zuvor als Teil des weitgefächerten europäischen Streckennetzes eine zumindest kleine Rolle im großen Weltgeschehen gespielt: Im April 1917 hat hier Lenin auf der Rückreise aus dem Schweizer Exil nach Petrograd (dem heutigen Sankt Petersburg) einen Aufenthalt gehabt; immerhin konnte er in Jörn kurz aussteigen. Die Fahrt durch das Hoheitsgebiet des Deutschen Reiches musste er hingegen im verplombten Wagon verbringen. Wie hat es der Philosoph und Schriftsteller Dr. Manfred Hinrich (1926 – 2015) einst so treffend formuliert? „Geschichte, Lehrmeisterin der Umgebrachten.“
Foto: Bahnhof von Jörn, Schwedisch-Lappland. Canon EOS 6D Mark II, f/4L IS USM, 16-35 mm, 22 mm, 2.5 sec, f/8.0, ISO 100, Stativ, Ausarbeitung in schwarz-weiß.