Zurzeit liegt hier in Schwedisch-Lappland sehr viel Schnee. Bis zu eineinhalb Meter türmt sich die weiße Pracht, die Elche vor besondere Herausforderungen stellt. Zwar ist es immer wieder erstaunlich, wie vergleichsweise leichtfüßig sich ausgewachsene Exemplare durch die winterliche Taiga bewegen, doch für Elchkälber mit ihren kürzeren Beinen bedeutet tiefer Schnee ganz besondere Anstrengungen, die viel überlebenswichtige Energie kosten. Kein Wunder, dass sich deshalb führende Kühe mit ihrem Nachwuchs bei sehr viel Schnee gerne auf Straßen und Pisten fortbewegen, die regelmäßig vom Schnee befreit werden. Für Autofahrer bedeuten diese Verkehrsteilnehmer eine ernste Gefahr. Jedes Jahr kommt es in Skandinavien zu hunderten Unfällen mit Verletzten und Toten auf beiden Seiten. Die Tiere sind in der winterlichen Dämmerung oder bei Schneetreiben trotz ihrer Größe schwer zu erkennen – und insbesondere unerfahrene Kälber verlassen die Straße äußerst unwillig. Ihnen wird gar nicht selten der am Rand vom Schneepflug aufgetürmte Schnee zum Verhängnis, der wohl auf die Tiere wie ein unüberwindliches Hindernis wirkt. Also bleiben sie auf der Straße und wissen angesichts ungeduldiger Huperei und aufgeblendeten Scheinwerfern sehr schnell gar nicht mehr, was zu tun ist …
Vergangene Woche war ein von seiner Mutter offensichtlich getrenntes Kalb so durcheinander, dass es auf einer nächtlichen Piste auf mich und mein Auto zulief. Ich habe angehalten und abgewartet, allein mit dem Tier im Nirgendwo. Es kam sehr langsam an die Fahrerseite, stieß zuerst mit der Nase an die Scheibe und klappte schließlich mit dem Kopf den Seitenspiegel ein. Eine unwirkliche Situation. Das klackende Geräusch sorgte immerhin für einen gehörigen Schreck und einen dann halbwegs akzeptablen Sicherheitsabstand. Ich fluchte angemessen, die schmale Hinterland-Piste wollte der oder die Kleine dennoch nicht verlassen. Es dauerte lange, bis ich zu Hause war …
Rentiere als Ablenkung
Die kleine Elchfamilie auf dem Foto habe ich vor einigen Tagen vor unserer Haustür abgelichtet. Nur zehn Minuten später hätte ich aufgrund des schwindenden Lichts keine Chance mehr auf scharfe Fotos gehabt, doch auch so musste ich in den Kameraeinstellungen an die Grenzen des bildtechnisch Zumutbaren gehen und in der Nachbearbeitung tüchtig Entrauschen. Ich habe genau in dem Moment auf den Auslöser gedrückt, als sich die drei Models von einer Gruppe Rentiere ablenken ließen, die in rund hundert Meter Entfernung plötzlich am Waldrand auftauchten. Für einen kurzen Moment war der seltsame Zweibeiner nicht mehr spannend und ich wurde in der Bedrohungsskala zurückgestuft …
Foto: Elchfamilie (Alces alces) in Schwedisch-Lappland. Canon EOS 6D Mark II, 5,6-6,3, 150-600 mm DG OS HSM, 600 mm, 1/40 sec, f/6,3, + 0,33, ISO 5000, Bohnensackstativ