Das ist der Sámi Tom. Er ist Rentierzüchter und Mitglied der Sámeby Maskaure, die rund um den kleinen Ort Arjeplog in Schwedisch-Lappland beheimatet ist. Sámeby ist die Bezeichnung für eine Rentierzüchtergemeinschaft, die jeweils von mehreren alteingesessenen Sámi-Familien gebildet wird. Tom ist ein sehr erfahrener und angesehener Rentierhirte, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Seine Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit machen es mir stets sehr leicht, ihn bei der Arbeit in Szene zu setzen. Abgesehen davon wohnen wir nur rund 40 Kilometer voneinander entfernt und sind somit nach den Maßstäben Lapplands Nachbarn …
Es ist der 30. Juni 2022, kurz nach Mitternacht, und die alljährliche Markierung der im Mai geborenen Kälbchen steht an.
Der Polarsommer macht es möglich, dass ich um diese Uhrzeit ohne künstliches Licht fotografieren kann. Die Moskitos allerdings nutzen auch ihre Chance und saugen mich ohne falsche Hemmungen leer. Alles hat seinen Preis …
Tom schaut inmitten hunderter Rentiere sehr konzentriert, er versucht Renkühe zu identifizieren, die seiner Familie gehören. Dabei orientiert er sich an einst mit dem Messer geschnittene Ohrmarkierungen, die aufgrund ihres spezifischen Musters eine eindeutige Zuordnung ermöglichen. Hinterlegt sind diese Ohrmarkierungen seit Generationen in einem Buch, das als Renmärken bezeichnet wird.
Ein ewiges Rätsel
Mir wird es wohl immer ein Rätsel bleiben, wie es in diesem Tierchaos möglich ist, einzelne Exemplare anhand kleiner Schnitte in den Ohren zu identifizieren, schließlich ist der Variantenreichtum außerordentlich groß. Die Familien haben die Tiere den ganzen Tag im Wald zusammengetrieben und dabei auch zeitweise einen Helikopter eingesetzt.
Sobald Tom eine seiner Ohrmarken identifiziert hat, schaut er, welches Kalb zum Muttertier gehört. Das ist schon wieder einfacher, denn die Kleinen weichen ihrer vertrauten „Milchbar“ in aller Regel nicht von der Seite. Zum Einfangen nutzt Tom eine Schlinge, die am Ende einer Stange sitzt und sich zuzieht, sobald er das Hinterbein eines Kälbchens erwischt hat. Ja, es ist schon irgendwie die nordeuropäische Variante zum Cowboy in Amerika …
Ohrschnipsel im Beutel
Die vom Körpergewicht des Züchters am Boden niedergehaltenen Kälbchen machen nicht den Eindruck, dass es schmerzt, obwohl etwas Blut fließt, wenn das Messer angesetzt wird. Tom und alle anderen Sámi sammeln die herausgeschnittenen Ohrschnipsel in kleinen Beuteln, um am Ende sauber Bilanz ziehen zu können.
Foto: Kälbermarkierung, Schwedisch-Lappland. Canon EOS 6D Mark II, F 1.4 DG HSM, 85mm, 1/50 sec, f/5.0, ISO 1000.