Auch heute noch können die Stabkirchen Norwegens Orte der Einkehr und Ruhe sein. Dafür sind im Jahr 2023 allerdings zwei Voraussetzungen entscheidend, von denen mindestens eine aus Sicht des Fotografen erfüllt sein sollte: Um nämlich lärmenden und zu einem durchaus großen Teil unsensiblen Touristenscharen entgehen zu können, die in ihrem Selfie-Wahn ein anscheinend nicht zu stillendes Bedürfnis haben, ihr eigenes Dasein zu bestätigen, muss man entweder morgens um sechs fotografieren oder ein äußerst toleranter Menschenfreund sein, der über das seltsame Verhalten seiner Artgenossen ohne Weiteres hinwegsehen kann. Ich gebe gerne zu, dass die erfolgreiche Umsetzung dieses Hinwegsehens durchaus von meiner Tagesform abhängig ist. Leider ist das Fotolicht frühmorgens nicht immer so, dass ein Motiv optimal ausgeleuchtet wird, also musste ich mit den fotografierenden Selfie-Säugetieren um mich herum klarkommen …

Modulbauweise im Mittelalter

Abgebildet ist die Heddal-Stabkirche, die in der Telemark im Örtchen Notodden steht und etwa 1250 erbaut wurde. Sie gilt als größte erhaltene Stabkirche Norwegens. Ihre Grundfläche beträgt 25 x 17 Meter bei einer Höhe von 29 Metern. Einzelne Bauteile wurden im Voraus gefertigt und erst auf der Baustelle zum großen Ganzen zusammengefügt. Diese Vorarbeiten nahmen zum Teil mehrere Jahre in Anspruch, wohingegen der eigentliche Zusammenbau dann vergleichsweise schnell realisiert werden konnte. Die Grundkonstruktion besteht aus vier Eckmasten, die auf rahmenförmig angeordneten Grundschwellen stehen und oben mit Balken verbunden sind. Innerhalb des Rahmens weist Heddal zwölf Masten auf, die das Dach mit drei Turmspitzen tragen und namensgebend für die Konstruktionsweise von Stabkirchen sind. Als Baumaterial wurde widerstandsfähiges Kernholz verwendet, das heute noch mit aus Kiefern gewonnenem Holzteer als natürliche Imprägnierung bestrichen wird.

Platz im Laubengang für Kranke

In Norwegen gab es einst etwa 1.000 Stabkirchen, heutzutage sind noch 28 erhalten. Die Heddal-Kirche stand in alter Zeit an zentraler Stelle im Dorf – hier siedelten die Großbauern. Zudem war das Gotteshaus so auf dem Landweg und auch per Boot über den nahen Fluss Heddøla gut zu erreichen. Heutzutage ist die umgebende Siedlungsstruktur völlig verändert – vor der Kirche befindet sich ein großer Parkplatz, den auch Busse anfahren können. Bemerkenswert ist, dass der Tag der Einweihung des Gotteshauses der 25. Oktober war, doch das genaue Jahr wurde nicht überliefert! Jahresringe und architektonische Charakteristika lassen jedoch auf die Mitte des 13. Jahrhunderts schließen. Einige verarbeitete Hölzer wurden sogar auf das Jahr 900 datiert.

Um die Kirche herum verläuft ein Laubengang, der die gesamte Konstruktion nicht nur stützt, sondern der Dorfbevölkerung auch Schutz vor Wind und Wetter bot, bis der Gottesdienst begann. Im Norwegischen wird der Laubengang als „svalgang“ bezeichnet, wobei „sval“ als „kühl“ übersetzt wird. Nicht zuletzt war der Laubengang auch der Aufenthaltsort für Gläubige mit ansteckenden Krankheiten. Sie konnten so den Gottesdienst mithören und bekamen das Abendmahl durch eine Luke in der Wand gereicht.

Hier habe ich unter Aktuelles Fotos vom Innenraum mitsamt Chor sowie weiteren Erläuterungen veröffentlicht.

Zu guter Letzt: Der Eintritt in den Innenraum kostet umgerechnet knapp zehn Euro. Angenehmer Nebeneffekt ist dabei die geringe Anzahl von Selfie-Knipsern. Im dämmrigen Licht des Hauptraums kommen Frisur, Sonnenbrille, aufgesetztes Lächeln und die eigene Brut offenbar nicht ganz so gut zur Geltung …

Foto: Heddal-Stabkirche, Norwegen. Canon EOS 6D Mark II, f/4L IS USM, 16-35 mm, 18 mm, 1/200 sec, f/6.3, +0,67, ISO 250, Polfilter.

zurück zur Übersicht