Kein Laut ist zu hören, kein Lüftchen rührt sich an diesem frühen herbstlichen Morgen inmitten der nordischen Wildnis. Langsam merke ich, wie die Kälte des Wassers durch die isolierten Sohlen meiner Schuhe dringt. Es wird Zeit, dass ich auf den Auslöser drücke, doch noch steht mein Stativ nicht sicher, droht im Uferschlick einzusinken. Hier an diesem namenlosen See in Schwedisch-Lappland, zu dem weder Weg noch Steg führen. Beobachtet wird mein Treiben von einer aufgehenden Sonne, die wie ein riesenhafter Scheinwerfer wirkt, der von einem geheimnisvollen Techniker auf maximale Leistung reguliert wurde.
Ich habe mir vorgenommen, Seerauch, auch Meerrauch genannt, zu fotografieren. Hierbei handelt es sich um eine Form des Verdunstungsnebels, der so wunderbare Stimmungen schaffen kann, für die mein Wecker gerne um fünf Uhr morgens klingeln darf. Seerauch entsteht immer dann, wenn ein großer Temperaturunterschied zwischen kalter Luft und relativ warmem Wasser herrscht. Dann steigt die Luft über dem Wasser nach oben, ähnlich wie am Boden eines Kochtopfs. Es bilden sich nämlich sowohl am See als auch im Topf auf dem Herd Konvektionszellen, also Luftströmungen, in denen Wärme nach oben drängt. Die Luft reißt Wasserdampf mit sich, der in der kälteren Luft kondensiert und im Ergebnis Nebelschwaden bildet. Ein Phänomen, das in der Küche eher weniger gewünscht ist, jedoch in freier Natur unvergleichliche Szenerien zaubert, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen.
Endlich erfüllt das Stativ seinen Zweck. Ich mache unzählige Fotos und entscheide mich, die Sonne mit in den Ausschnitt zu nehmen und auch nicht durch einen Verlaufsfilter abzuschwächen. Soll sie doch ins Bild knallen und ein Weiß bescheren, das keinerlei Zeichnung mehr aufweist und in der Nachbearbeitung am PC kaum einzufangen ist. Ich möchte genau diesen harten Kontrast zwischen dem „Scheinwerfer“ und dem hauchzarten Nebelvorhang zeigen, der aus Seide zu bestehen scheint und sich in warmen Farben vor mir ausbreitet.
Foto: „Seerauch“, Schwedisch-Lappland. Canon EOS 7D, f/4.0-5,6 VC Di USD, SP 70-300 mm, 70 mm, 1/640 sec, f/7,1, ISO 250, Stativ.