Altes Kaminstück

Draußen ziehen weiße Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, stillvertraut.

Sinnend sitz ich auf dem Sessel,
An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Wasserkessel
Längst verklungne Melodien.

Und ein Kätzchen sitzt daneben,
Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zumut‘.

Dämmernd kommt heraufgestiegen
Manche längst vergeßne Zeit,
Wie mit bunten Maskenzügen
Und verblichner Herrlichkeit.

Schöne Fraun, mit kluger Miene,
Winken süßgeheimnisvoll,
Und dazwischen Harlekine
Springen, lachen, lustigtoll.

Ferne grüßen Marmorgötter,
Traumhaft neben ihnen stehn
Märchenblumen, deren Blätter
In dem Mondenlichte wehn.

Wackelnd kommt herbeigeschwommen
Manches alte Zauberschloß;
Hintendrein geritten kommen
Blanke Ritter, Knappentroß.

Und das alles zieht vorüber,
Schattenhastig übereilt –
Ach! da kocht der Kessel über,
Und das nasse Kätzchen heult.

(Heinrich Heine)

 

In der Schule hätte ich angesichts dieses Gedichts wahrscheinlich über die Wirkmächtigkeit von Erinnerungen und die Vergänglichkeit des Lebens geschrieben …

Unbestritten zwei Aspekte, die sehr gut zu der gedämpften Atmosphäre eines langen Winters am Polarkreis passen. Das indigene Volk der Sámi kennt sogar zwei Winter und weitere sechs Jahreszeiten, die sich an den Erfordernissen der Rentierzucht orientieren. Rollen wir das Jahr von hinten auf.

Winter (auf Sámisch Daelvie, Dezember – Februar)

Es ist sehr kalt. In manchen Teilen Lapplands sinkt die Temperatur auf -40 °C. Der Schnee liegt hoch, dennoch sind im Winterwald Spuren von Rotfuchs und auch Vielfraß zu sehen. Ein wärmendes Feuer im Kamin ist für die Psyche jetzt besonders wichtig. Niemals ohne Handschuhe nach draußen gehen und am Schneemobil keine Metallteile mit ungeschützten Händen anfassen. Im Februar kündigt der Ruf des Raben den Frühling an. Die Rentierherden vieler Waldsámi befinden sich in der wärmeren Küstenregion, das erhöht ihre Überlebenschancen.

Herbstwinter (Tjaktje-daelvie, November – Dezember)

Die Sonne geht immer später auf und früher unter; andauernde Dämmerlichtatmosphäre. Erster Schnee ist vielleicht schon im Oktober gefallen und bedeckt jetzt das Eis auf den Seen, das schnell dicker wird. Die letzten Rentiere der Saison sind geimpft, die Herden werden per Lastwagen an die Küste verfrachtet. In alter Zeit liefen die Tiere den langen Weg in die relative Wärme, immer begleitet von Rentierzüchtern auf ihren langen Skiern.

Herbst (Tjaktje, September – Oktober)

Die Moskitos sind verschwunden. Das bunte Herbstlaub der eingestreuten Birken und Eschen bringt die Nadelwälder zum Leuchten. Für die Einheimischen ist nun Jagdsaison auf Bär und Elch. Eichhörnchen arbeiten emsig an ihren Wintervorräten, große Drosselschwärme lassen sich die Beeren des Waldes schmecken. Der Mensch rückt an den Lagerfeuern enger zusammen, die Tage mit frostigen Temperaturen werden mehr. Winterreifen mit Spikes sind nun unverzichtbar, die Schneefräse wird gewartet und auf dem eigenen Grundstück markieren jetzt reflektierende Stangen Wege und Hindernisse, bei einer Schneehöhe von einem Meter und mehr ginge in der Dunkelheit sonst die Orientierung verloren. Die Rentierzüchter schlachten jetzt ausgewählte Tiere. Bei Bullen gilt es, den idealen Zeitpunkt zu erwischen. Wären die Rene nämlich bereits oder noch in der Brunft, würde das Fleisch ungenießbar.

Spätsommer (Tjaktje-giesie, August)

Das Leben findet draußen statt. Lange Nächte am Feuer und Paddeltouren auf den Seen und Flüssen oder Wandertouren im Fjäll sind nun Lieblingsbeschäftigungen. Nachts wird es schon wieder kühler, die Moskitos werden weniger. Die Rentierherden mitsamt den Frühjahrs-Kälbchen streifen durch die Wälder und fressen sich jetzt die Fettpolster an, die sie später durch den Winter bringen. Molte- und Blaubeeren reifen. Mit Glück ist es ein gutes Pilzjahr mit Täublingen, Maronen, Steinpilzen, Rotkappen und vielen anderen Gattungen.

Sommer (Giesie, Juni – Juli)

Ferienzeit in ganz Schweden. Familien, die über eigene Sommerhäuser verfügen, schließen ihre Stadt- oder Dorfdomizile ab und entspannen in der Natur. Am 21. Juni ist Sommersonnenwende, der längste Tag des Jahres, der mit dem Mittsommerfest gebührend zelebriert wird. Die Rentierzüchter treiben nun ihre Herden zusammen und markieren die im Frühjahr geborenen Kälbchen mittels Einritzungen an den Ohren. Diese spezifischen Muster ermöglichen eindeutige Zuordnungen. Hinterlegt sind diese Ohrmarkierungen seit Generationen in einem Buch, das Renmärken heißt. Häufig sind um die dritte Juniwoche herum die meisten Moskitos in der Luft …

Frühlingssommer (Gïjre-giesie, Juni) 

Nördlich des Polarkreises steht die Sonne auch am tiefsten Punkt ihrer täglichen Bahn noch oberhalb des Horizonts – die Mitternachtssonne schafft eine besondere Atmosphäre, in der auch nachts um zwei noch das Zwitschern von Vögeln zu hören ist. Letzte Schneereste sind nur noch in hohen Lagen verblieben. Alles grünt und blüht. Die Sámi treiben nun ihre Rentiere zusammen und nutzen dafür Quads sowie gelegentlich Hubschrauber. Die vor wenigen Wochen geborenen Kälbchen werden zusehends kräftiger. Anfang Juni ist die beste Zeit, um Holzhäusern einen neuen Anstrich zu verleihen: Der Frost hat sich endgültig verzogen und noch kleben am Ende des Arbeitstages nicht allzu viele Moskitos an den frisch gestrichenen Fassaden …

Frühling (Gïjre, April – Mai) 

Im Mai werden die Rentierkälber geboren. Rund 225 Tage war das Muttertier trächtig, es kehrt in aller Regel in das Gebiet zurück, in dem es selbst geboren wurde. Die Herde braucht nun Ruhe. Die Sámi bleiben in der Nähe und beschützen die Tiere vor Fressfeinden und auch Schneemobilverkehr. Die Tage sind nun milder, der Schnee schmilzt schnell. Mehr und mehr verlagert sich das Leben wieder nach draußen. Eisfischen erfreut sich großer Beliebtheit und endet erst, wenn das Eis nicht mehr trägt.

Vorfrühling (Gïjre-daelvie, März – April)

Die Rentiere der Waldsámi werden zurück in ihre angestammten Weidegründe im Landesinneren verfrachtet. Nach einem langen Winter sind sie nun besonders auf Hängeflechten als Nahrung angewiesen, die jedoch nur in alten Baumbeständen zu finden sind. Auch deshalb sind von der Holzindustrie aufgeforstete Flächen keine Hilfe: Alle Bäume haben das gleiche Alter und werden (vielleicht) erst in Jahrzehnten Flechten tragen; Wald ist nicht gleich Wald. Noch liegt viel Schnee, doch Auerhähne und Raufußkäuze beginnen bereits mit der Balz.

Das Foto zeigt unseren Haussee am 3. Januar zur Mittagszeit. In wenigen Minuten wird die Sonne bereits wieder hinter dem Horizont verschwinden. Doch immerhin: Hier, knapp unterhalb des Polarkreises, löst ihr Licht Vorfreude auf den Frühling aus. Winterstürme haben den Schnee auf dem Eis wunderbar geformt. Wenn es mit knapp -40 °C nicht so kalt wäre, könnte ich mich mit der Kamera stundenlang hier herumtreiben.

Foto: “Winterlicht”, Schwedisch-Lappland. Canon EOS 500D, 3,5-6,3 DC, 18-200 mm, 18 mm, 1/250 sec, f/5.6, ISO 100

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