Die besondere Kraft der Fotografie liegt in ihrer Fähigkeit, Momente einzufangen und Emotionen zu transportieren. Mit einem einzigen Foto können wir in eine andere Welt eintauchen, Geschichten vor unserem inneren Auge ablaufen lassen. Was ist zum Beispiel mit diesem Foto? Rein technisch gesehen passt es im Großen und Ganzen. Das Hauptmotiv liegt entsprechend den Gestaltungsregeln nahezu im Goldenen Schnitt, und die Schärfe stimmt auch. Sicherlich liegt die Horizontlinie nicht optimal, es ist etwas zu viel vom konturlosen Himmel zu sehen. Fotografiert habe ich es an einem Märzabend in der kleinen Gemeinde Sennesvik auf den Lofoten, Norwegen; es war das letzte Bild des Tages. Alles in allem kein besonderes Foto, oder?

Vielleicht doch. Das Foto lebt vom Kontrast zwischen dem warmen Licht in der kleinen Werkstatt und der blauen, froststarren Kälte, die der Fjord ausstrahlt. Seltsam verloren wirkt das Haus und vermittelt doch Geborgenheit und Zuversicht; zumindest nach meiner Überzeugung. Was passiert in der Werkstatt? Werkelt dort noch spätabends ein Papa an einem ganz besonderen Geburtstagsgeschenk für seine kleine Tochter? Ein Puppenhaus vielleicht? Oder ist dort gerade ein Frührentner der Verzweiflung nahe, weil die Lichtmaschine des Autos nicht mehr zu reparieren und das Konto leer ist? Wie soll er morgen früh zum Arzt in der weit entfernten Stadt kommen? Geschichten über Geschichten, die eigene Fantasie dürfte kaum Grenzen setzen …

Warum schreibe ich das? Wenn Fotografinnen und Fotografen bewusst hinter die technische Ebene ihrer Fotos schauen, erfahren sie quasi nebenbei Aufschlussreiches über sich selbst. Denn eins ist klar: Nicht das teuerste Objektiv und die neueste Kamera sind entscheidend für Fotos, die im Innern etwas auslösen – was auch immer. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, die Fotoindustrie und viele Influencer behaupten allerdings ständig das Gegenteil …

Was sind meine Lieblingsmotive? Warum drücke ich hier auf den Auslöser und dort nicht? Was berührt und erfüllt mich? Wieso stößt mich ein bestimmtes Bild ab oder lässt mich sogar völlig kalt? Ist es das Licht, das Motiv oder das Thema an sich? Wer diese Fragen für sich beantworten kann, der sieht und erlebt bewusster. Dann spielt es im Grunde auch keine Rolle, ob zufällig eine Kamera dabei ist.

Foto: „Werkstatt im Abendlicht“, Lofoten, Norwegen. Canon EOS 7D,  f/4.0-5,6 VC Di USD, SP 70-300 mm, 70 mm, 1/8 sec, f/5, ISO 400, Bohnensackstativ

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