Ich falle, wie es so schön anschaulich heißt, mit der Tür ins Haus: Dieses Foto ist eine Fälschung, die ich mittels KI, also Künstlicher Intelligenz, kreiert habe. Als Fotograf gehört es für mich dazu, dass ich hinsichtlich neuester Bildbearbeitungstechniken auf einem möglichst aktuellen Stand zu sein habe. Es überrascht mich dennoch immer wieder, wie einfach es mittlerweile mit leistungsfähiger Bildbearbeitungssoftware ist, Welten zu erschaffen, die so gar nichts mit der Realität zu tun haben, auch wenn der erste Eindruck das nicht immer vermuten lässt. Das ist ein Problem, das letztendlich unsere Gesellschaft in ihrer Gesamtheit betrifft, also nicht nur Leserinnen und Leser dieser Kolumne, die an der Fotografie interessiert sind.

Auch Profis erkennen Fälschungen nicht ohne Weiteres

Egal, ob es um das Anschauen von Fotos und Videos auf Social Media, auf Homepages oder den Konsum bestimmter „Nachrichtensendungen“ von „alternativen Medien“ geht, Bild- und Tonfälschungen sind nicht mehr sofort und ohne Weiteres zu erkennen – auch für Profis nicht. Propaganda- und Desinformationskampagnen wird mit der rasanten Weiterentwicklung von entsprechender Software mehr denn je Tür und Tor geöffnet – nicht nur in einer Zeit mit Kriegen und bevorstehenden Wahlen im In- und Ausland. Das halte ich (als studierter Journalist) für hochgefährlich. Ich sehe langfristige Auswirkungen, die wir als Gesellschaft noch kaum erkennen können und sehr viel ernster nehmen sollten.

Zum Foto: Ich habe das gelbe Haus im März 2023 auf den Vesterålen in Norwegen aufgenommen. Eine hübsche, farbenfrohe Heimstatt in 1A-Lage am Hadselfjord. Blauer Himmel, schneebedeckte Berge, so weit, so gut. Hübsch, aber auch kein Motiv, das zu spontanen Begeisterungsstürmen hinreißt. Vor kurzem kam mir jedoch die Idee, es für eine Bildmanipulation und somit für das „Bild des Monats“ einzusetzen.

Schnell gemacht

Das Verblüffende: Ich habe keine 30 Sekunden gebraucht, um die Walfluke ins Bild zu bekommen. Tatsächlich schwamm vor dem Haus niemals dieses so faszinierende Säugetier! Wie bin ich vorgegangen? Benutzt habe ich eine Beta-Version von Photoshop aus dem Hause Adobe, die laufend ihre KI-Fähigkeiten verbessert (wie andere Software-Schmieden auch). Zuerst habe ich mit der Maus einen kleinen Rahmen an der Stelle im Bild aufgezogen, wo ich die Fluke haben wollte. Dann habe ich in ein kleines Eingabefeld das Folgende geschrieben: „Die Fluke eines Wals taucht aus dem Wasser auf“ (strenggenommen signalisiert die Fluke ein gerade abtauchendes Tier). Es hat ein paar Sekunden gedauert und die Software zeigte mir drei Vorschläge an; den vorliegenden habe ich schließlich ohne jede weitere Bearbeitung ausgewählt.

Klar, vor fünfzehn, zwanzig Jahren war es auch schon möglich, Bilder am heimischen Computer digital zu verändern und eine alternative Realität zu erschaffen. Der Unterschied zur heutigen Zeit ist jedoch, dass man damals gewisse Kenntnisse in der Bildbearbeitung haben musste. Der Umgang mit Bearbeitungsebenen, Filtern, Perspektivlinien, Masken, digitalen Pinseln usw. setzte Erfahrung, künstlerische Kreativität und ein gutes Auge voraus. Allzu oft waren viele Stunden Arbeit nötig, wenn das Ergebnis überzeugen sollte … Jetzt, im Jahr 2024, ist es auch für Laien möglich, lediglich mit beschreibenden Worten komplexe Phantasiewelten zu erschaffen. Daran gemessen ist die Fluke lediglich eine kleine Spielerei – und die Software wird sich in den kommenden Jahren mit atemberaubender Geschwindigkeit weiter verbessern.

Fake News können eine Waffe sein

Verlassen wir gedanklich kurz den Fjord in Norwegen und blicken auf einen sogenannten Avatar, also eine mittels Künstlicher Intelligenz vorgetäuschte Gestalt, die zum Beispiel wie ein Frau aussehen kann, und mit einer Stimme spricht, die menschlich zu sein scheint. Denken wir außerdem an eine (real existierende) Nachrichtensprecherin, die Millionen Fernsehzuschauer kennen, weil sie abends pünktlich um 20:00 Uhr in deutschen Wohnzimmern auf den Bildschirmen erscheint. Technisch gesehen ist es gar kein Problem mehr, einen Avatar genau dieser Sprecherin zu erschaffen, der nun an anderer Stelle, beispielsweise im Internet, auftritt und komplett gefälschte bzw. erfundene Nachrichten (Fake News) vorliest. Der Avatar lebt vom hohen Vertrauensvorschuss, der ihm zugebilligt wird. Und schon schnappt die Falle zu! In letzter Konsequenz könnten so ganze Länder und mithin die Welt ins Chaos stürzen, denn die scheinbar vertraute Sprecherin würde ja nicht mehr ohne Weiteres als digitale Fälschung erkannt werden. Welche Falschmeldungen sie genau verbreiten könnte, überlasse ich der Fantasie der Lesenden … Avatare könnten natürlich auch Staatenlenker sein. Übertreibe ich? Ich bin sicher, dass ich das nicht tue. Denn es gibt bereits ungezählte Beispiele von FakeNews, die auf KI basieren, und in der Vergangenheit für Verunsicherung gesorgt haben – vorsichtig formuliert. Dieses Phänomen wird zunehmen, und darauf sind wir als Gesellschaft nicht ausreichend vorbereitet.

Bildung als Schlüsselfaktor

Was hilft dagegen? Als Schlüsselfaktor sehe ich Menschen mit einer breiten Allgemeinbildung, zu der auch Medienkompetenz gehört. Diese hilft, Sachverhalte besser einordnen und kritisch hinterfragen zu können. Genau hier sehe ich aber eine Fehlentwicklung. Ein kleines Beispiel: Allzu oft lese ich von einer „Digital-Offensive“ an allgemeinbildenden Schulen, mehr folgt dann inhaltlich meist nicht. Als ob es reichen würde, möglichst jedem Schüler und jeder Schülerin ein Notebook für den Unterricht zur Verfügung zu stellen. Das ist kein Fortschritt! Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass sich auch die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer dieser Problematik bewusst ist, denn digitaler Unterricht ist leider noch viel zu oft auf das bloße (technische) Erlernen von Computerprogrammen ausgerichtet und vernachlässigt gleichzeitig das Einordnen der mittels Suchmaschinen herausgefilterten Ergebnisse. Genau an dieser Stelle können nun neben seriösen Quellen und Informationen auch jede Menge Fake News oder schlicht Unsinn in den Ergebnissen aufgelistet werden. Es gilt also, die Spreu vom Weizen zu trennen. Hierzu sind fundierte Informationen vonnöten, die nicht zwangsläufig mittels Suchmaschinen zu finden sind, sondern unter anderem in guten (!) Sach- und Fachbüchern, in Lexika, autobiografischen oder historischen Abhandlungen. Oft sollte es bereits helfen, der Lehrerin und dem Lehrer zuzuhören und sich nicht auf ein kleines Häkchen zu verlassen, das vom Achtklässler ohne wirkliches Verstehen auf einem digitalen Übungsblatt gesetzt wird. Trial and error, bis es passt und ein wunderbar grüner Daumen virtuell nach oben zeigt …

Übertragen auf den „Wal“ im Fjord könnte man sich nun folgende Fragen stellen: Ist das vielleicht die Fluke eines Pottwals? Falls ja, kann es tatsächlich sein, dass ein bis zu 55 Tonnen schweres und 20 Meter langes Tier quasi vor der Haustür herumschwimmt? Wie ist denn wohl die Wassertiefe im Fjord? Kann das Tier dort überhaupt jagen? Schließlich benötigen ausgewachsene Tiere jeden Tag knapp eine Tonne Nahrung (u. a. Riesentintenfische), die sie auch in mehr als 1000 Meter Tiefe noch erjagen können. Welche Walarten sind überhaupt vor Norwegens Küste anzutreffen? Und so weiter und so fort.

Nun ist wohl klar: Nicht alle diese Fragen lassen sich ohne Recherche und/oder Nachdenken beantworten. Natürlich kann auch das Internet helfen, doch man sollte stets die Möglichkeit gezielt gestreuter Falschinformationen im Hinterkopf haben. Um Fakten oder auch nur Wahrscheinlichkeiten bewerten zu können, ist viel Arbeit und Disziplin vonnöten. Tag für Tag. Hier müssen wir als Gesellschaft investieren und aufmerksam sein. Falls nicht, besteht die Gefahr, dass wir zum Opfer unserer Leichtgläubigkeit werden und allzu einfach zu manipulieren sind. Die in ein Foto hineingezauberte Fluke eines Wals ist vor diesem Hintergrund wahrlich ein klitzekleines Problem …

Foto: „Wal-Fälschung“, Vesterålen, Norwegen. Canon EOS 7D,  f/4.0-5,6 VC Di USD, SP 70-300 mm, 70 mm, 1/640 sec, f/8, ISO 200, Stativ

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