Ein nach seiner Mutter rufendes Rentierkalb, das im Mai geboren wurde und von nun an mit einer „geschnitzten“ Ohrmarkierung durch sein weiteres Leben laufen wird – das ist das Bild des Monats aus dem Bereich der Reportagefotografie.
In aller Regel zwischen Ende Juni und Anfang Juli markieren die sámischen Rentierzüchter in Schwedisch-Lappland den Herdennachwuchs mit spezifischen Mustern in den Ohren, die eine genaue Zuordnung erlauben. Rentierscheide heißt dieses für die Sámi wichtige Großereignis im Jahreslauf. Schließlich muss klar sein, welches Tier genau den jeweiligen Züchterfamilien gehört. Für die Markierung werden seit Jahrhunderten scharfe Messer benutzt, die den Tieren jedoch keine größeren Schmerzen bereiten. Vielmehr beschäftigt die Kleinen nach überstandener Prozedur die Frage nach dem Verbleib der Mama, schließlich verwaltet sie die Milchbar …
Die Rentierscheide ist, trotz anstrengender Arbeitstage und -nächte, auch eine Zeit des entspannten Zusammenseins, das an ein großes, generationenübergreifendes Familienfest erinnert. Es wird viel gelacht und gescherzt. Inmitten der Herde laufen Dreijährige herum, sie spielen Fangen, beobachten die Arbeit ihrer Eltern und helfen auch ein bisschen mit. In den Pausen werden kleine Lagerfeuer entzündet, die nicht nur Moskitos vertreiben, sondern auch frisch aufgebrühten Kaffee als bevorzugtes Antriebsmittel ermöglichen. Der Züchter Jonas zeigt auf die Herde. „Siehst du, wie zerzaust die Tiere wirken? Sie verlieren immer noch ihr Winterfell. Die Touristen ahnen im Frühsommer gar nicht, wie schön die Tiere eigentlich sind“, sagt er und grinst schief.
Ich habe das Bild nachts um zwanzig nach eins aufgenommen – das Licht des Polarsommers macht es möglich. Wahrscheinlich haben die guten Sichtverhältnisse auch dazu beigetragen, dass mich die Moskitos während des Fotografierens gefunden haben.
Foto: Ohrschnitzerei, Schwedisch-Lappland. Canon EOS 6D Mark II, F 1.4 DG HSM, 85mm, 1/100 sec, f/4.0, ISO 2500.