Nein, wir befinden uns nicht in Portofino in Ligurien, in Positano an der Amalfiküste oder auf Ponza im Tyrrhenischen Meer – um nur einige Beispiele aus Italien zu nennen. Vielmehr habe ich diesmal das mondäne Örtchen Risør an der südnorwegischen Küste ausgewählt, das auch „Die weiße Stadt am Skagerrak“ genannt wird. Angesichts im klaren Wasser schaukelnder Yachten und Fischerboote, gediegener Restaurants und Hotels mit großzügigen Terrassen und einer bei Einheimischen und auch Gästen festzustellenden Entspanntheit ist ein Dolce-Vita-Gefühl jedenfalls nicht von der Hand zu weisen.

Risør bietet eine der am besten erhaltenen Holzhaussiedlungen in Europa, die im Wesentlichen im auslaufenden 19. Jahrhundert erbaut wurde, denn 1861 zerstörte ein Brand zunächst alle rund 250 Häuser.

Seine Entstehung verdankt der Ort dem boomenden Holzexport in die Niederlande ab 1500. Dieser Handel brachte in den folgenden Jahrhunderten im Zusammenspiel mit dem Bootsbau Wohlstand an die gesamte Südküste, der sich nicht zuletzt in einer gewissen Eitelkeit widerspiegelte: Das Weiß der Häuser ist nichts anderes als zur Schau gestellter Reichtum, denn der weiße Anstrich war einst rund 60-mal teurer als das traditionelle Rot und auch Ockergelb. Zwei Farben, die in Risør bis weit ins 19. Jahrhundert vorherrschten und somit keinen Unterschied zum Rest des Landes erkennen ließen. Erst die wohlhabenden Handelsschiffer ließen sich auf ihren Reisen in die Niederlande und nach England schließlich von der Trendfarbe Weiß inspirieren und brachten so noch etwas mehr Internationalität in die Heimat.

Im Jahre 1990 wurde Risør zur schönsten Holzstadt Norwegens gekürt, die sich über eine Fläche von 200 km2 erstreckt (davon 136 km2 Wald) und knapp 7000 Einheimische zählt. Für Fotografierende besteht unzweifelhaft die Chance, viele lohnenswerte Motive ungestört entdecken zu können, wenn man früh auf den Beinen ist. Ich habe morgens um kurz nach sechs das Stativ aufgebaut. Eine Uhrzeit, zu der die meisten Gassigeher noch in ihren Betten liegen, die Stadtreinigung noch nicht zu sehen ist, auf den Decks der Yachten noch keine verschlafenen Besatzungsmitglieder herumlaufen und Lieferfahrzeuge den Blick auf die Fassaden noch nicht verstellen. Die Stille eines Sommermorgens, die nur vom Glucksen der vertäuten Boote untermalt wird.

Foto: „Die weiße Stadt am Skagerrak“, Norwegen. Canon EOS 6D Mark II, f/4L IS USM, 16-35 mm, 28 mm, 1/100 sec, f/8, ISO 320, Polfilter, Stativ.

zurück zur Übersicht