Der Kontrast von menschlicher Existenz und polarer Umwelt ist für mich fotografisch gesehen immer sehr reizvoll. Unwillkürlich frage ich mich auch, wer wohl in diesem Haus in Traumlage wohnt. Welcher Beruf wird ausgeübt? Ist es eine junge Familie mit vier Kindern, die wie die Orgelpfeifen am Steg stehen, wenn die Eltern ihre Bürotüren abgeschlossen haben und mit dem Boot nach Hause kommen? Oder eher ein allein lebender Fischer, der nur an klaren Tagen einen guten TV-Empfang hat? Vielleicht ist es auch das Sommerdomizil eines erfolgreichen Anwalts aus der großen Stadt? Ich habe in diesem Fall keine Ahnung, und das ist auch gut so. So kann ich meine favorisierte Version im Kopf abspeichern, ohne einen Abgleich mit der Realität machen zu müssen.
Das Drohnenfoto habe ich Ende Juli am Eidsfjord auf der Inselgruppe der Vesterålen in Nordnorwegen aufgenommen. Rund 300 Kilometer oberhalb des Polarkreises befinden sich die Inseln, die nördlicher als Island liegen und nur aufgrund des Golfstroms relativ milde Winter vorweisen können.
Das Rauschen des Blutes im eigenen Kopf
Angesichts solcher Wohnlagen frage ich mich nicht nur, wer an einem solchen Ort wohnt, sondern auch wie dort die generelle Atmosphäre ist. Die Wahrnehmungs- bzw. Umweltpsychologie unterscheidet zwischen Ruhe und Stille. Ruhe wird als Abwesenheit störender Geräusche definiert, Stille hingegen als Abwesenheit nahezu aller Geräusche. Während Ruhe eine wichtige Ressource für Körper und Geist ist, die viele Menschen zum Beispiel im Urlaub oder im eigenen Garten suchen, wird Stille zumeist als belastend empfunden. An manchen Universitäten lassen sich reflexionsarme (schallgedämmte) Räume finden, in denen Studierende durchaus überraschende Erfahrungen machen: Solange noch eine zweite Person im Raum ist, gelingt der Aufenthalt ganz gut. Man hört den Atem des anderen oder das Knistern von Kleidung. Die Anwesenheit eines zweiten Menschen vermittelt zudem Sicherheit. Ganz anders verhält es sich, wenn man sich alleine in einem schallgedämmten Raum aufhält. Plötzlich ist nur noch das Rauschen des eigenen Blutes im Kopf zu hören. In die Hände klatschen trägt nur kurzzeitig zum eigenen Wohlbefinden bei, um die Stille zu durchbrechen. Rainer Guski, emeritierter Professor am Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Umweltpsychologie der Ruhr-Universität Bochum erzählt im ARD-Podcast „Wie wir ticken“ von den Reaktionen der Studierenden in einem schallgedämmten Raum. Es ist wohl so, dass es weltweit noch kein Mensch geschafft hat, sich freiwillig länger als 45 Minuten in einem solchen Raum aufzuhalten – faszinierend.
Zurück zum Bild des Monats. Wer auch immer dort wohnt, die Ruhe wird zu hören sein: Kleine Wellen brechen sich am Ufer, in der Ferne ist ein Bootsmotor zu hören, von irgendwo erklingen Möwenrufe. Nur manchmal, vielleicht an einem windstillen und sehr kalten Wintertag, kann die Stille plötzlich da sein. Angenehm oder unangenehm? Wer mit einer solchen Wohnlage liebäugelt, sollte das für sich ganz persönlich klären – bevor Kontakt mit einem Makler aufgenommen wird.
Foto: “Traumlage”, Vesterålen, Norwegen. DJI Mini 2 Drohne, 1/500 sec, f/2.8, ISO 100.