Diesmal habe ich ein Motiv ausgewählt, das etwas außer der Reihe ist. Es ist mir vor Augen gekommen, als ich vor kurzem in meinem Archiv gewühlt habe. Es zeigt unseren offensichtlich recht glücklichen Sohnemann Lukas. Der Schnappschuss ist viele Jahre alt, aber er lässt mich auch heute noch lächeln; lange hing ein gerahmter Abzug in unserem Keller über der Waschmaschine …
Meine Reaktion auf diese Wiederentdeckung führt zum Wesen der Fotografie, die ich gerne als „belichtete Erinnerung“ charakterisiere. Und Erinnerungen habe ich viele: Ich denke zum Beispiel an Sonntagnachmittage im Zoo. Während wir uns als Erziehungsberechtigte immer wieder gewundert haben, wie es möglich sein kann, dass der Nachwuchs anderer Familien in einem hellen und sauberen (!) Outfit offensichtlich ganz brav an den Händen von Mama und Papa spaziert, hat es bei Lukas und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Lena regelmäßig weniger als fünf Minuten gedauert, bis beide klatschnass von irgendwelchen Wasserspielgeräten, paniert vom Streichelgehege, stets hungrig und auch strahlend wieder unsere Nähe suchten. Was für eine Energie und was für ein Bewegungsdrang! Meine Frau hatte immer einen ganzen Rucksack voller Wechselklamotten und Futter dabei.
Zum Weltraum und noch viel weiter
Bleiben wir bei Erinnerungen: Zu Beginn meiner Berufskarriere als Redakteur füllte ich eine eigene Zeitungskolumne, die ich „Neulich“ getauft habe. Woche für Woche beleuchtete ich damals unser Familienleben mit kleinen Kindern in humorvoller, meist etwas überspitzter und manchmal auch auf nachdenkliche Art und Weise. Im Folgenden der beispielhafte Originaltext „Zum Weltraum und noch viel weiter“, der vor rund 20 Jahren erstmals veröffentlicht wurde:
Achtung! Diese einleitende Warnung scheint mir diesmal angebracht, denn heute wird es ziemlich gefühlsduselig und melancholisch zugehen. Falls Ihnen gerade nicht danach ist, weil Sie vielleicht heute Abend auf eine Party gehen oder ein Sonnenbad im lauschigen Garten lockt, heben Sie sich diesen Text besser für einen dieser grau-nebligen Novembertage auf, an denen sowieso alles egal ist …
Unser Großer stand neulich im Arbeitszimmer an meinem Schreibtisch: „Papa, können wir zusammen spielen?“ Ich hätte fast Nein gesagt, ihn abgewimmelt, da ich ja so viel Wichtiges zu tun hatte. Telefonate führen, Rechnungen prüfen, einen Artikel fertig schreiben. Doch wie er da so vor mir stand, mit seinem roten Käppi, unter dem ich stets meine braunen Augen erkenne, und in seiner kurzen Hose, die den Blick freigab auf ein verschrammtes Knie und grün-blau geprellte Schienbeine, wie sie wohl nur Jungs in seinem Alter haben können, ließ ich die Arbeit einfach liegen. Nie mehr würde er fünf Jahre und neun Tage alt sein. Wir sollten den Moment nutzen. Hier und jetzt.
Also streckten wir uns auf dem Kinderzimmerteppich aus und parkten gemeinsam seine 6.000 Spielzeugautos. Ich beantwortete auch alle drängenden Fragen zu den stärksten Raubtieren, größten Dinos, tapfersten Indianerhäuptlingen und schnellsten Rennwagen. Eine Stunde nur. Mein Sohn hörte mit ganzer kindlicher Ernsthaftigkeit zu, strahlte und kuschelte sich an. Kurz: Wir gaben uns dieser geheimnisvollen „Vater-Sohn-Sache“ hin, die sonst immer nur in jenen Erziehungsratgebern analysiert wird, die die Freundinnen einer Freundin meiner Frau empfohlen haben.
Als ich schließlich aus dem Zimmer ging, gab mir mein Sohn seine Erkenntnis mit auf den Weg: „Papa, ich habe dich lieb bis zum Weltraum!“ Wie konnte ich vor nur sechzig Minuten glauben, die Erledigung meiner Arbeit sei heute das Wichtigste? Neben meinem Monitor steht ein Bild von unserem Filius: Ein winziger Säugling, der mit hochrotem Kopf schreit und die kleinen Hände zu Fäustchen ballt – im kommenden Jahr werden wir bereits seine erste Schultasche kaufen.
Ich denke an die Worte eines kanadischen Trappers, der hoch im Norden in einer einsamen, harten und unnachgiebigen Wildnis lebt und dennoch oder gerade deshalb vom Leben so viel mehr versteht als die meisten von uns: „Wenn ein Mensch 100 Jahre alt wird, lebt er 36.500 Tage. Klingt unheimlich viel, nicht? Ziehen wir ein Drittel ab zum Schlafen, bleiben 24.000 Tage. Noch ein Drittel geht drauf fürs Erwachsen- und Altwerden, dann bleiben noch 16.000 Tage. Wenn man dann weiß, was man tun will, bleiben vielleicht noch 8.000 Tage übrig. Jeder davon muss maximiert werden. 8.000-mal kann man ausgehen, einkaufen gehen, Sex haben, eine Party feiern. Nach ein paar Jahrzehnten bleiben noch 30, 40 Seasons für die Gänsejagd übrig. Klingt nicht nach viel. Jahre lassen es nach einer langen Zeit klingen. 30 Jahre …, aber das sind nur 10.950 Tage. Das ist gar nichts. Keine Zeit.“
Foto: „Lukas“, Deutschland. Digitaler Scan von Fuji Sensia Diamaterial
