Reden wir diesmal über das Autofahren in der Subarktis und Arktis. Die mitunter extremen Witterungsverhältnisse verlangen hier oftmals gute Nerven und auch Know-how. All das ist auf dem herbstlichen Luftbild nicht zu erahnen, denn am Polarkreis ist der Winter die wahre Herausforderung. Abgelichtet ist die schwedische Reichsstraße 95, die vom Bottnischen Meerbusen im Osten bis ins westlich gelegene Bodø am Nordatlantik in Norwegen führt. Ich habe in Blickrichtung Westen fotografiert. Am Horizont, noch gut 200 Kilometer entfernt, lässt sich der Gebirgszug der Skanden erahnen, ein 1700 Kilometer langer und bis zu 2500 Meter hoher Gebirgszug, der nicht zuletzt als Wetterscheide zwischen der vom warmen Golfstrom geprägten norwegischen Küstenlinie und dem deutlich kälteren Landesinneren Schwedens fungiert. Das quasi nicht vorhandene Verkehrsaufkommen ist hier oben die Regel. Ich musste mit der Drohne in der Luft einige Minuten warten, bis endlich ein Pkw aufgetaucht ist.

Sekundenlange Blindfahrt

Wieso sind gute Nerven hilfreich? Im Winter, wenn sich die Kontraste auflösen und der Straßenverlauf oft genug nur an den orange- oder gelbfarbenen Markierungsstangen zu erkennen ist, die jeden Herbst neu gesteckt werden, ist der „Schneestaub“ für nicht eingeweihte Verkehrsteilnehmer eine Gefahr, die zu sekundenlanger Blindfahrt führt. In der trockenen Winterluft wirbelt der auf der Fahrbahn liegende Schnee sehr leicht auf. Insbesondere Lkw auf der Gegenfahrbahn sorgen für starke Luftverwirbelungen, die zu einer Sicht führen, die für laaange Zeit gleich null ist. Hier helfen dann nur eine niedrige Eigengeschwindigkeit und kein panisches Verreißen des Lenkrads. Die Bankette von Lapplands Straßen sind nämlich entweder nicht vorhanden oder unbefestigt, insofern landet man schnell abseits der Piste und mit Pech auch in den Bäumen oder im Gegenverkehr. Die Straßengräben sind zudem sehr tief und steil, um die enormen Schmelzwassermengen im Frühjahr aufnehmen zu können.

Winterdienst ist ein Rätsel

Gegen Ende des Winters schieben Schneepflugfahrer mit ihren Schilden die aufgetürmten Schneemauern von den Straßenrändern weg. Die Idee dahinter: Schmelzwasser soll nicht übermäßig auf den Asphalt laufen und dort eventuell gefrieren. Manche Fahrer stellen ihren Schild jedoch so ein, dass der geräumte unbefestigte Fahrbahnrand auf gleicher Höhe mit dem Straßenniveau liegt. Im Ergebnis ist besonders für unerfahrene Touristinnen und Touristen ein 1,5 Meter breiter und glatt gezogener „Seitenstreifen mit Schneeauflage“ zu sehen, der sich scheinbar wunderbar eignet, um mal eben rechts ranzufahren und ein paar Fotos zu schießen. Das Fahrzeug kippt jedoch sofort weg und kann nur noch vom Abschleppdienst geborgen werden. In jedem Frühjahr sehe ich solche Situationen. Warum nicht alle Schneepflugfahrer ihren Schild etwas höher stellen und so eine optische Barriere schaffen, bleibt für mich wohl immer ein Rätsel, denn ein Teil des Winterdienstes macht es genau so.

Luxus beim Einsteigen

Unsere Autos haben in der Frontschürze eine Steckeraufnahme, an die sich ein Stromkabel anschließen lässt. Dieses System nennt sich Motorwärmer und sorgt nach dem Prinzip eines Tauchsieders dafür, dass das Glykol-/Wassergemisch des Kühlkreislaufs nicht einfriert. Im Innenraum ist zudem oft noch eine Steckdose im Fußraum des Beifahrers verbaut, an die sich ein Heißluftgebläse anschließen lässt (Kupévärmare auf Schwedisch) und in aller Regel über eine Zeitschaltuhr gesteuert wird. Bei -40 °C Außentemperatur bietet das kleine Teil ein echtes Luxusgefühl beim Einsteigen …

Sehr beliebt ist übrigens, vor dem Losfahren zu vergessen, dass der Pkw noch am Strom hängt. Im Straßenbild sind dann Fahrzeuge mit herausgerissenen Steckern oder baumelnden Stromkabeln zu sehen … Ist kein Motorwärmer verbaut und/oder stimmt die Klassifikation des Motoröls nicht, können kapitale Motorschäden die Folge sein, da die Schmierung durch das dann zähflüssige Öl unzureichend ist.

Plastikteile auf der Straße

Rentiere sind, zumindest in Bezug auf den Straßenverkehr, kognitiv teilmöbliert. Zu jeder Tages- und Nachtzeit stehen sie auf Lapplands Straßen – gerne hinter Kurven. Sie bewegen sich bei Fahrzeugannäherungen auch kaum zur Seite. Optimistische Lkw-Fahrer aus dem Süden nutzen dann ganz gerne ihr Signalhorn – natürlich ohne Erfolg. Es hilft also nur, langsam und sehr aufmerksam zu fahren, um folgenschwere Unfälle zu vermeiden. Ich habe vor einigen Jahren leider mal ein Kälbchen erwischt, das genau auf meiner Höhe aus dem tiefen Straßengraben heraus die Fahrbahn überqueren wollte. Es war vorher nicht zu sehen, und die Physik des Anhaltewegs (Reaktionsweg plus Bremsweg) lässt sich nicht austricksen. Ich habe die Polizei noch vor Ort telefonisch informiert und mit einem speziellen orangefarbenen Band, das in keinem Pkw, der im hohen Norden gefahren wird, fehlen sollte, die Unfallstelle markiert. Aufgrund meiner Positionsangabe konnte die Polizei feststellen, welchem Rentierzüchter das Tier sehr wahrscheinlich gehört. Nur die offizielle Meldung des Unfalls führt dazu, dass der schwedische Staat dem Züchter seinen Verlust ersetzt. Mir blieben erstaunlich viele auf der Straße verteilte Plastikteile und ein reger Schrift- und Fotowechsel mit der Versicherung.

Lange Stelzen sind ein Problem

Richtig ernst kann es hingegen werden, wenn ein Elch der Unfallgegner ist. Jedes Jahr gibt es allein in Schweden rund 5000 Zusammenstöße mit diesen Tieren, die für Fahrzeuginsassen auch immer wieder tödlich enden. Das Problem sind die langen Beine ausgewachsener Tiere. Werden diese „langen Stelzen“ von der Frontpartie des Autos getroffen, können die gut 500 Kilogramm schweren Tiere über die Motorhaube hinweg direkt in die Frontscheibe geschleudert werden …

Nutzlose Sensoren und Kameraaugen

Mein Wagen ist in der Wintersaison mit Spikereifen ausgerüstet. Hierbei handelt es sich um spezielle Winterreifen, bei denen im Profil Metallstifte eingearbeitet sind, die den Grip insbesondere auf Eis und betonhartem Schnee verbessern. Aber auch hier gilt: Die Physik lässt sich in letzter Konsequenz nicht austricksen …

Austricksen lässt sich auch nicht der Umstand, dass alle außen am Auto verbauten Sensoren und Kameraaugen für etwa sechs Monate im Jahr komplett nutzlos sind. Sie werden vom sommerlichen Staub der Pisten im Hinterland, von Schnee und Eis oder einer extrem tief stehenden Sonne außer Gefecht gesetzt. Im Innenraum blinkt und hupt es dann immer aufgrund entsprechender Hinweise. Ich drehe dann meist die Musik lauter, denn es gibt nichts Schöneres als in Lappland Auto zu fahren. Und das meine ich ernst.

Foto: „Reichsstraße 95 aus der Luft”, Schwedisch-Lappland. DJI Mini 2 Drohne, 1/320 sec, f/2.8, ISO 100.

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