Auch hier am Polarkreis ist nun der Frühling eingezogen. Unsere Feuerstelle ist wieder ohne den Einsatz einer Schneeschaufel erreichbar, und die Luft ist erfüllt vom Zwitschern zahlreicher Vögel, die emsig Nestbau betreiben. Anlass genug, um in diesem Monat ein ebenso klassisches wie sommerliches „Postkartenmotiv“ zu veröffentlichen und die wärmende Kraft der Sonne zu feiern. Zu sehen ist das norwegische Dorf Geiranger am Ende des gleichnamigen Fjords, der sich über eine Länge von 15 Kilometern ins Landesinnere erstreckt.
Planung gehört dazu
Es war an einem schönen Sommertag kein Problem, den richtigen Standort und somit Bildausschnitt zu finden. Oberhalb des Dorfes befindet sich ein kleiner Parkplatz, auf dem sich ohne Probleme ein Stativ aufbauen lässt. Fotografisch gesehen war für mich jedoch ein Frage viel spannender: Zu welcher Uhrzeit sollte ich anrücken? Je nach Jahres- und Tageszeit sorgen nämlich die bis zu 1700 Meter hohen Steilhänge des Fjords für eine Verschattung des Motivs, die den Gesamteindruck der majestätischen Kulisse negativ beeinflussen können. Dank segensreicher Foto-Apps blieb es mir jedoch erspart, ausschließlich auf Glück und Vermutungen zu vertrauen. Die kleinen technischen Helferlein in meinem Handy haben nämlich genau verraten, wann es passt. Sie ermöglichen eine genaue Simulation der Sonnenstrahlen. Ich sehe also auf die Minute genau, über welchem Zipfel die Sonne aufgeht und mit welchem Winkel sie die Szenerie beleuchtet. Das kombiniere ich dann in der Vorbereitung mit Wetter-Apps und hoffe das Beste. In diesem Fall habe ich an einem 15. Juli um 06:55 Uhr auf den Auslöser gedrückt …
Wale ohne Fotowunsch
Das Dorf Geiranger beherbergt rund 250 ständige Einwohner. In der Sommersaison, wenn Touristen und Kreuzfahrtschiffe den Fjord fluten, steigt die Zahl auf über 2000 an. Die Saison zum Geldverdienen ist jedoch kurz, denn in den Wintermonaten ist der Fjord nicht schiffbar, da von den Steilhängen regelmäßig Lawinen abgehen, die hohe Wellen verursachen können. Vor Jahren habe ich zusammen mit meiner Frau eine ausgiebige Paddeltour im Fjord unternommen. An einem Abend hatten wir einen Lagerplatz am Ufer, von dem aus das Schnaufen einer Wal-Schule nicht weit entfernt zu hören war. Ich tippte auf Schweinswale (Phocoena phocoena) und machte Kamera und Kanu sofort einsatzbereit. Sobald ich jedoch wieder auf dem Wasser war, hörte und sah ich nichts mehr. Mehrmals wiederholte sich das Spielchen: Raus aus dem Boot, und die Tiere waren zu hören und sehr kurz zu sehen. Raus aufs Wasser, und es herrschte absolute Stille. Sogar der Wind schien den Atem anzuhalten. An diesem Abend machte ich kein einziges Foto von auch nur einem Quadratzentimeter Wal.
Geiranger war in den Sommermonaten bereits im 15. Jahrhundert über einen Gebirgsweg erreichbar. Der Wasserweg hatte jedoch stets eine größere Bedeutung für den Handel. Zwei wichtige Daten dürfen nicht unerwähnt bleiben: Im Jahre 1858 erreichte mit der D/S Sunnmøre das erste Dampfschiff den Ort. Und nur zwei Jahre später eröffnete Martinus K. Maråk eines der ersten Wirtshäuser in Geiranger.
Foto: Geiranger, Norwegen. Canon EOS 6D Mark II, f/4L IS USM, 16-35 mm, 35 mm, 1/30 sec, f/8.0, +0,33 LW, ISO 100, Polfilter, Stativ.
