Passend zur Sommer- und Ferienzeit habe ich diesmal das schlichte Foto eines mit viel Liebe zum Detail gestalteten Gartens auf der schwedischen Insel Seskarö ausgewählt. Diese ist nur rund 20 Quadratkilometer groß und liegt im Haparanda-Archipel nahe der schwedisch-finnischen Grenze. Vor wenigen Wochen habe ich dort einige Tage verbracht und die Gegend erkundet. Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, dass die Europäische Union ein außergewöhnliches Konstrukt ist, das ich in seiner Vielfalt sehr mag. Das Städtchen Haparanda liegt am östlichsten Punkt Schwedens und zugleich am nördlichsten Punkt der schwedischen Küste. Es geht nahtlos über in die Partnerstadt Tornio, die bereits zu Finnland gehört.
Doppelter Silvesterspaß
Wenn ich nicht gerade auf Schriftzüge an Fassaden geachtet oder Straßenschilder studiert habe, war eher selten klar, ob ich noch in Schweden oder schon in Finnland herumgestromert bin. Eine finale Entscheidungshilfe hatte ich jedoch: mein kluges, mit GPS-Daten zur Positionsbestimmung vollgestopftes Auto. Aufgrund unterschiedlicher Zeitzonen sind die Finnen ihren schwedischen Nachbarn um eine Stunde voraus. In der Praxis lässt sich dieser Umstand von einer Straßenecke zu anderen im Cockpit ablesen, da die Uhrzeit springt. Nun gibt es gar nicht wenige Bewohnerinnen und Bewohner in dieser Doppelstadt, die an Silvester nur die Straßenseite wechseln, um zweimal das neue Jahr offiziell begrüßen zu können („Happy New Twice“).
Europas Vielfalt
Es war durchaus faszinierend, dass ich in Haparanda einerseits mit schwedischen Kronen gezahlt und die Menschen andererseits auch noch verstanden habe. In Tornio hingegen beglich ich Einkäufe mit Euro, hatte jedoch keinen blassen Schimmer, was der Finne an sich mir gerade erzählt hat. Finnisch gehört zur uralischen Sprachfamilie und hat absolut nichts mit dem indogermanischen Stamm skandinavischer Sprachen zu tun. Um an dieser Stelle nochmals die Praxis zu bemühen und zu relativieren: Viele Menschen in der „EuroCity“, so die Bezeichnung der Doppelstadt in Marketingkreisen, sprechen sowohl Schwedisch als auch Finnisch und wechseln schnell hin und her.
Sandstrände und Grillstellen
Eins noch: Wer sogar auf Reisen ein verstärktes Verlangen nach Billy, Klippan, Pax, Malm, Brimnes und Köttbullar (Aussprache im Schwedischen Schöttbüllar) hat, der findet in Haparanda das nördlichste IKEA-Einrichtungshaus der Welt. Voraussetzung für entspanntes Shopping ist jedoch ein Bankkonto, das nicht bereits während der vierrädrigen Anreise von den Zapfpistolen diverser Ölkonzerne ausgeraubt wurde. Die einfache Strecke von beispielsweise Köln bis nach Haparanda-Tornio beträgt nämlich rund 2.450 Kilometer. Laut Routenplanung in 32 Stunden reine Fahrzeit machbar; am Ziel dürften die Schöttbüllar dann besonders gut schmecken. Oder der Reisende drapiert sich alternativ an einen der sehr schönen und keinesfalls überlaufenen Sandstrände auf Seskarö. Grillstellen und kostenfreies Brennholz sind vorhanden. Sonnenbrand, Hitzschlag und Waldbrände gelten als eher unwahrscheinlich.
Foto: „Sommerlicher Garten auf Seskarö“, Schweden. Canon EOS 6D Mark II, 5,6-6,3, 150-600 mm DG OS HSM, 150 mm, 1/500 sec, f/6,3, ISO 400, Bohnensackstativ.
